Nach Abtreibung – Die Qual danach

Abtreibung – die Qual danach

Veröffentlicht am 29 September 2013

Hiermit autorisiere ich Frau Dengler von Tiqua e.V. nachfolgenden Bericht zu veröffentlichen. 

Ich erkläre ausdrücklich, dass ich bereit bin, notfalls die Konsequenzen zu tragen, die sich daraus für mich oder für Frau Dengler oder für Tiqua e.V. ergeben, z.B. erkläre ich mich bereit, auch vor Gericht darüber auszusagen. 

„Einen anderen Platz, der geeigneter wäre, Frauen endlich zu mehr Selbstbestimmung und Gleichberechtigung zu verhelfen, werden Sie nicht finden. Frauen müssen das Recht haben, selbst darüber zu entscheiden, ob sie Mutter werden wollen oder berufliche Karriere vorziehen.“

Mit dieser Aussage bin ich als junge Frau beschwingt und froh aus dem Bewerbungsgespräch heimgefahren. Endlich hatte ich meinen Platz gefunden, ich war als Beraterin für Schwangerschaftskonflikte angenommen worden. Es war ‚mein‘ Platz, da wollte ich hin. Getrieben von meinem Wunsch, endlich Dinge bewegen zu können. Frauen aus ihrem unterdrückten Dasein heraus helfen. Dafür sorgen, dass sich keiner einmischt, wenn sie schwanger sind, aber das Kind jetzt nicht bekommen können. Das Selbstverständlichste von der Welt wollte ich selbstverständlich werden lassen.

Heute empfinde ich es als zynisch, wenn ich sage: Damals habe ich die Welt vor Freude umarmen wollen.

„Haben Sie nie einen Verdacht gehabt, dass irgendetwas an diesem Tötungssystem nicht stimmen könnte?“, fragte mich Frau Dengler.

„Nein, habe ich nicht, ich war immer der Meinung, dass ich richtig denke. Als ich anfing, zu zweifeln, habe ich bei den Besprechungen oder den Supervisionen immer erlebt, dass die anderen meine Zweifel zerstreut haben. Ich dachte, ich bin es, die nicht richtig tickt. Die anderen ticken richtig, ich ticke falsch und irgendjemand muss sich ja schließlich für die Frauen die Hände schmutzig machen.“ Ich habe sogar mitgemacht, als wir eine Ärztin ausgebuht haben, sie nicht zu Wort kommen ließen: Sie wollte uns einen Vortrag halten, der unsere Schwangerschaftskonfliktberatung anders ausgehen lassen sollte als bisher. Mitgebuht und mitgepfiffen habe ich, so lange, bis mir der Hals weh tat und sie schließlich aufgab. Dann haben wir diese Ärztin ausgelacht. Ich auch.

Mein Rückblick lässt Übelkeit in mir aufsteigen: Ich mache mir selbst die heftigsten Vorwürfe, wenn ich ehrlich bin. Eigentlich hätte ich bloß meinen Verstand einsetzen müssen. Meinen eigenen Wahrnehmungen und meinen eigenen Augen trauen sollen. Wenn‘s doch nur so einfach wäre. Kolleginnen, die froh und glücklich oder wenigstens unbeschwert ausgesehen hätten, habe ich nicht gesehen. Ich vermute, dass ich den Zeitpunkt verpasst habe, an dem ich hätte merken können, dass ich längst genauso aussehe, genauso rede und denke wie sie.

Und wie es ihnen geht, ganz genauso geht es mir auch. Ohne mich würden viele Kinder noch leben. Ohne mich hätte ein ganz bestimmter Abtreibungsarzt fast nichts zu tun gehabt, ohne mich gäbe es vielleicht einen Nobelpreisträger (oder eine Nobelpreisträgerin!) mehr. Ohne mich würde ich mich jetzt besser fühlen. Ohne mich gäbe es keine Alpträume. Ohne mich gäbe es nicht meine ganz persönliche Hölle.

Das sind jetzt heute meine Gedanken. Die sage ich auch meinem, ich weiß nicht wievielten, Psychotherapeuten. Noch keiner hat mich das Naheliegende gefragt, obwohl sie alle wissen, welchen Beruf ich habe. Meine ganz persönliche Karriere, die mich in meine ganz persönliche Hölle geführt hat, keiner will sie wissen. Gibt es ein Recht auf Nichtwissen? In meinem Job habe ich den Frauen immer gesagt, dass sie ein Recht auf Nichtwissen haben. Jetzt, nachdem ich selber merke, wie es ist, wenn die Menschen nicht wissen wollen, jetzt ist das alles der reine Wahnsinn.

Wie risikolos und wie einfach der Abbruch ist, sie müssten nur eine innere Sicherheit dazu finden, habe ich zu den Frauen gesagt. Aber nein, Probleme danach, das seien bloß die Lügengeschichten der selbsternannten Lebensschützer. Früher, da hätten die Frauen darum kämpfen müssen, dass sie nicht zu illegalen Abtreibungen gehen müssen. Heute sei das gesetzlich erlaubt, sie hätten jetzt endlich ein Recht dazu, sich gegen das Kind, das ja noch nichts merkt, noch gar nicht wirklich da ist, zu entscheiden. Kinder seien auch das Armutsrisiko per se und ohne den Vater des Kindes sei es auf jeden Fall besser.

Immer redete ich so und habe als Erste meine eigenen Lügen geglaubt, wahrscheinlich war ich deshalb so überzeugend. Obwohl es keiner großen Überzeugungskunst bedurfte, denn die Schwangeren selbst wollten jede Lüge glauben, das war ganz einfach. Ich brauchte bloß nicht weiter nachzufragen, der bereits von mir unterschriebene  Beratungsschein, das war Pflicht, lag bereits fertig auf dem Tisch. Ich brauchte einfach bloß nicht nachzufragen …

‚Bloß’ und ‚einfach’, das sind die beiden Worte, die Erinnerungen in mir hochholen, auch wenn ich mich dagegen wehre. Manchmal träume ich davon – davon nämlich, dass diese Worte als einzelne rote Buchstaben durch die verschlossene Haustür drängen, die Treppe herauf schweben, auf mich zu und ich sie mit aller Gewalt wieder hinunterdrücken muss. Ich nehme Stühle, Latten und Kleidung zu Hilfe, aber trotzdem drängen sich einige Buchstaben durch. Und zu meinem Entsetzen formen sie sich dann immer wieder zu diesen beiden Worten: ‚bloß’ und ‚einfach’. Das hört sich vielleicht harmlos an, ist aber nackte Angst und Horror.

Ich habe sie benutzt, diese Worte, immer wieder und immer wieder. Und ich habe damit Kinder umbringen lassen. Ich! Allein durch meine Unterschrift und allein durch das Wörtchen ,einfach’. Und es ist nur die erste Hälfte meines Alptraumes, dessen Ablauf ich bereits kenne, sobald er begonnen hat.

„Beginnen Sie damit, es aufzuschreiben“, sagte mir Frau Dengler an dieser Stelle.

„Womit soll ich denn da anfangen?“, habe ich zurück gefragt und sie sagte: „am besten dort, wo es im Rückblick am Einfachsten gewesen wäre, eines jener Kinder zu retten.

Ja, eine solche Möglichkeit gab es tatsächlich, ich will sie aufschreiben:

Marina* (Name geändert) saß verheult vor mir. Sie möchte nicht reden, denn sie war bereits in einer anderen Beratungsstelle und die haben ihr keinen Beratungsschein ausgestellt. Ich schob den Beratungsschein auf ihre Seite und sagte zu ihr: „Sie brauchen ihn bloß mitzunehmen, das ist alles, Sie müssen mir nichts erklären. So einfach ist das.“

„Doch“, sagte sie, „ich will’s erklären“  denn sie sei nicht leichtsinnig, sie habe sich das gründlich überlegt, sie sei Zahnarzthelferin und ihr Freund sei unzuverlässig, manchmal kifft er. Er komme mit dem Unfalltod seines Freundes, bei dem er dabei war, nicht klar. Er sei gerade in der Ausbildung, bleibe aber hin und wieder der Arbeit einfach fern. Es sei nicht sicher, ob er überhaupt durchhalte. Sie sei zu Hause die Stärkere und diejenige, die alles alleine entscheide.

„Sie brauchen mir gar nichts zu erzählen“, beruhige ich sie. „Nehmen Sie Ihren Schein, rufen Sie den Arzt auf dem Zettel hier an und von da an wird alles einfach seinen Gang gehen.“

Dankbar nahm sie den Schein und legte ihn sorgfältig in die Handtasche.

Am nächsten Tag rief mich Frau Dengler an. Bei ihr sitze jene Frau, die wir hier Marina nennen und erzählte, ich hätte ihr die Abtreibung erlaubt. Frau Dengler wies darauf hin, dass es nicht stimme: Der Gesetzgeber räume kein Recht auf Abtreibung ein. Sie verlangte, dass ich meine Aussage richtigstelle. Marina sei mitten in einem Klärungsgespräch mit dem Kindesvater und die bevorstehende Abtreibung würde das definitive Aus für die Beziehung bedeuten. Was ich denn tun solle, fragte ich zurück: „Sie müssen ihr bloß die Wahrheit sagen, dass es nämlich kein Recht auf Abtreibung gibt und dass ein Abbruch auch nicht einfach so über die Bühne geht. Denn Marina macht die Abtreibung davon abhängig, dass Sie sagen, Probleme hinterher gäbe es einfach nicht. Außerdem erklärten Sie ihr am Vortag, dass während der Abtreibung keine Schmerzen auftreten, nur ein kleines Ziehen im Bauch, weniger als bei der Periode. Und Sie wissen doch ganz genau, dass das nicht stimmt, was Sie gesagt haben!“

Das war die Stunde, da hätte ich z.B. ganz einfach Marina vom Abbruch abhalten können – es wäre ganz einfach gewesen. Ich hätte bloß die Wahrheit sagen müssen.

Stattdessen beschimpfte ich Frau Dengler ziemlich heftig und legte auf. Mittlerweile weiß ich, dass der Abbruch stattfand.

Einige Tage später stellte sich zu meinem bisherigen Alptraum ein zweiter Teil hinzu: die Buchstaben drängen hoch und nachdem ich den Kampf mit den roten Buchstaben verloren habe, klopft es an der Tür, ich gehe hin, aber noch bevor ich öffne, schwebt eine weiß gekleidete junge Frau durch die geschlossene Tür herein, zeigt mit dem Finger auf die roten Buchstaben, dann auf mich, öffnet den Mund, kann aber nicht sprechen. In ihrem Haar ist ein rotes Band. Ich bekomme Todesangst, der Schweiß bricht aus, ich kann nicht mehr atmen.

Das ist der zweite Teil meines Alptraumes. Es ist das rote Band im Haar, das mir Übelkeit verursacht. Das mich fertigmacht.

Nach langem Irrweg habe ich mich zu Frau Dengler aufgemacht und habe begonnen, mich dem zu stellen, was ich tat und ich hoffe, dass ich es wieder loswerden kann.

Nadine F.

 

 

 

 

 

Meine persönliche Geschichte ist nicht interessant. Ich bin nicht sicher, ob es lohnt  sie aufzuschreiben. Aber ich denke, gerade weil es eine so gewöhnliche Geschichte ist, will ich sie doch aufschreiben.

Ich war Beraterin bei profamilia. Etwa zwei Jahre lang. Ich fand es gut, dass Frauen endlich die Möglichkeit in Anspruch nehmen konnten, ein unerwünschtes Kind, aus welchen Gründen auch immer, abzutreiben. Ich fand es auch gut, dass der Staat nun endlich die Kosten dafür übernimmt. Vor allem fand ich es gut und richtig und gerecht, dass sogar die Personalkosten und die Raumkosten vom Staat bezahlt werden. Denn wir, meine KollegInnen und ich, taten schließlich das, was dem Staat nützt. Ich fand es gut, dass Frauen nicht mehr um ihr Leben fürchten müssen, wenn sie sich schweren Herzens für eine Abtreibung entscheiden und ich fand es gut, die eine oder andere Frau auch mal in ihre Schranken zu weisen.

Immer wieder kamen Schwangere, die sagten, ihr Freund oder Mann oder Lebenspartner wolle kein Kind. Sie möchte eine Beratung und überlegen, ob es richtig ist, das Kind zu bekommen oder nicht. Das hat mich dann geärgert, weil ich dachte, sie drückt da dem Mann einfach die Last eines ungewollten Kindes auf, um sich bequem im Sessel zurückzulehnen und versorgen zu lassen. Das fand ich unmöglich, ich empfand das als eine miese Erpressung, um den Kindesvater zu verpflichten. Darin war ich mir auch mit meinen KollegInnen einig.

Ab und zu kamen auch die Kindesväter mit. Ich konnte sehen, wie sehr sie durch die Schwangerschaft unter Druck geraten waren. Ich staunte darüber, wie wenig sensibel die Frauen waren, die einfach nicht einsehen wollten, dass er sagte: ‚Nein‘.

Diese Männer taten mir besonders leid. Sie haben schließlich ein Recht darauf, selbst zu entscheiden, ob sie Vater werden wollen oder nicht. Ein paar Mal waren auch Frauen dabei, die gar nichts sagten, nur Krokodilstränen rollen ließen. Dann habe ich mich mit dem Mann unterhalten und ihm alle Papiere mitgegeben. Teilweise verstand ich natürlich auch die Tränen der Frauen, weil so ein Schritt wirklich nicht leicht ist. Aber manchmal muss es ebenso sein. Dann geht es nur noch um die Frage der Sicherheit, damit die Frauen nicht gesundheitliche Schäden davontragen.

Zum Glück dauern solche Gespräche nicht lange. Manche Frauen kommen nur, um den Schein abzuholen. So konnte ich den Schwangeren immer recht schnell deutlich machen, welche Belastung das Kind für sie und den Kiva bedeutet.

Das klärte wieder die Fronten und ich verabschiedete sie. Manchmal machte ich auch direkt in ihrem Beisein einen Abtreibungstermin aus, manchmal hatten sie bereits vorgesorgt und nannten den Abtreibungstermin. Ohnehin gaben wir ihnen zu dem Beratungsschein auch eine Liste der Abtreibungsärzte, die mit uns zusammenarbeiten.

Wir hatten immer gut zu tun, hatten alles in allem ganz gut organisiert und taten unseren Job. Hellhörig hätte ich werden sollen, wenn ab und zu Frauen nach einer Abtreibung anriefen und behaupteten, dass sie starke Probleme damit haben. Dafür gab es eine klare Anweisung: Wir wiesen sie darauf hin, dass die allerwenigsten Frauen Probleme haben. Meist sind sie ihr im Vorfeld der Abtreibung eingeredet worden und falls sie einen Gesprächskreis dafür sucht, gab ich ihr die Termine. Bei manchen Frauen fühlte ich mich richtig veräppelt.

Ich glaubte, dass diese Frauen nicht gut mit Tatsachen umgehen, auch außerhalb der Abtreibung, und dass sie besonders wehleidig waren. Ich glaubte wirklich das, was Herr Stapf und auch andere Ärzte verbreiteten: „Bei mir kommen die Frauen rein mit herunterhängenden Mundwinkeln. Wenn sie wieder gehen, sind diese Mundwinkel wieder nach oben gerichtet, sie sind froh“

Das konnte ich mir gut vorstellen, es ist ja nicht so, dass Frauen keine wichtigen Gründe für den Abbruch hätten, sie sind traurig und befreit zugleich.

Zu manchen Zeiten wünschte ich mir schon, dass ich lieber eine  andere Arbeitsstelle hätte, eine in der ich mit Familien arbeiten könnte, einfach mehr Abwechslung und mehr aktives Handeln.

Trotzdem habe ich diese zwei Jahre über keinerlei Anstalten gemacht, mir etwas anderes zu suchen. Ich war bereit, so weiterzumachen und es den Schwangeren leicht zu machen. Keinesfalls wollte ich sie in längere Gespräche verwickeln oder sie eventuell ‚umpolen‘, nein, sie sollten das allein entscheiden bzw. hatten schon entschieden und diese Entscheidung wollte ich nicht in Frage stellen. So war ja auch die Arbeitsanweisung, so war auch meine persönliche Einstellung.

Eines Tages überraschte mich mein Freund. Ich war gerade 27 geworden. Er zog mit Sack und Pack bei mir ein und überzeugte mich, dass wir für immer zusammenbleiben und ein Kind bekommen sollten. Ziemlich skeptisch, aber irgendwie auch froh über seine Haltung, setzte ich die Pille ab. Es dauerte ungefähr zwei Monate, dann merkte ich, dass ich schwanger bin. Ich ging in die Stadt und kaufte ein kleines Kinderstühlchen, das ich rot anmalte und nachdem es getrocknet und lackiert war, habe ich es eines Morgens auf den Frühstückstisch gestellt. Ich nahm an, dass er sich freuen würde. Das war aber nicht der Fall. Ganz entgeistert, ja wütend starrte er den Frühstückstisch an und begriff sofort, was los war. Ich weiß gar nicht mehr, was ich selbst gedacht habe, aber ich weiß noch, dass ich seine Reaktion nicht wahrhaben wollte. Zu dem roten Kinderstühlchen habe ich noch den Schwangerschaftstest auf seinen Teller gelegt, der ganze Tisch strahlte irgendwie aus, dass wir Nachwuchs bekommen. Schließlich aber konnte ich mir nichts mehr vormachen über das, was ich da soeben hörte. Er schrie mich an, dass ich ihn reingelegt hätte, dass er nicht so schnell damit gerechnet hätte und dass er auf keinen Fall schon ‚so früh‘ Vater werden wolle, ob er überhaupt der Vater sein könne und so weiter und so fort. Ich erkannte ihn nicht wieder, aus meinem freundlichen Partner war ein giftsprühender Schakal geworden, den ich noch nie vorher gesehen hatte. Seinen Auftritt beendete er damit, dass er aus dem Haus ging und die Tür knallte, dass der Rahmen wackelte.

Ich rief bei einer Freundin an und die kam auf die Idee, dass er vielleicht nur überreagiert hat und sich erst mit der Situation vertraut machen muss, schließlich war er es doch gewesen, der das Zusammenleben mit einem Kind vervollständigen wollte, er sei nur durchgeknallt. Sie riet mir, ein paar Tage zu schweigen, meine gute Laune nicht zu verlieren und ihm Zeit zu lassen, dass er sich beruhigen kann. Ich tat, wie mir geraten wurde und schwieg über die Angelegenheit, er auch. Wir sprachen einfach nicht mehr davon, er blieb freundlich, aber reserviert. Nach einer Woche, in der ich viel bei meiner Freundin geheult hatte, bekam er schließlich mit, wie kotzübel mir morgens war, da kam er ins Bad und fragte mich, das werde ich nie vergessen: „Hast du es etwa immer noch im Bauch?“ Er schlug mir auf den Bauch und ins Gesicht und schrie: „Ich verschwinde jetzt und wenn ich in einer Woche wiederkomme, hast du gefälligst alles erledigt“.

Diesmal versuchte meine Freundin mir nicht mehr einzureden, dass er nur Zeit brauche, sondern wir riefen gemeinsam bei einer profa-Stelle an, aber nicht in meiner Stadt, ich wollte noch ein letztes Mal mit jemandem reden, der mir vielleicht Gründe nennen könnte, warum ich keinen Abbruch machen sollte. Wir riefen also eine Stelle im Ruhrgebiet an, bekamen einen Termin und fuhren dorthin, keine Viertelstunde später waren wir wieder draußen. Kein Gespräch, kein Widerstand, kein nichts. Mit einmal begriff ich, wie sich die Frauen fühlten, die bei mir einen Termin hatten: Man fühlt sich wie zwischen Baum und Borke, weil man gleichzeitig irritiert ist, dass kein Widerstand kam und einer heimlichen Freude darüber, dass die Abtreibung jetzt in Gang gesetzt ist. Dabei ist dieses ‚in Gang setzen’ das Letzte, was man will. Es ist irgendwie so, dass man neben sich selbst steht und zuguckt, was geschieht.

Meine Freundin nahm fast alles in die Hand und ging auch mit zum Abbruch.

Während der Operation hatte ich Halluzinationen. Ich war auf einer wunderschönen Waldlichtung, auf der herrlich gewachsene Kirschbäume standen, ich dachte noch, was soll das: Kirschen, und bestaunte alles. Gleichzeitig kam ein Hubschrauber, der auf der Lichtung landete, viele Kinder saßen darin, eines davon stieg aus, ging mit ausgestreckten Armen auf mich zu und weinte bitterlich, sagte immer wieder irgendwas zu mir, das ich nicht verstand. Voller Entsetzen starrte ich sie an, es war ein Mädchen, und konnte mich vor Schreck nicht bewegen. Irgendwie hatte ich eine schreckliche Angst. Als ich mich nicht bewegte, ging sie schließlich, mit ausgestreckten Armen und lauten Schluchzern, rückwärts wieder zum Hubschrauber, wo rohe Hände, nur die Hände sah ich, sie hineinzerrten. Er schwebte eine Weile über mir und ich konnte die erstarrten Gesichter all der anderen Kinder erkennen. Es waren so viele und ich konnte gar nicht begreifen, dass so viele von ihnen da hineinpassten. Schließlich entschwand der Hubschrauber und die Kirschbäume wurden mit einmal rabenschwarz und warfen alle Früchte und die Blätter ab. Das erschreckte mich zu Tode.

Als ich aufwachte, sah ich noch die anderen Frauen im Raum, einige weinten. Ich nicht. Ich war noch so gefangen von meinem Traum. Hin und wieder kam die Sprechstundenhilfe und holte eine von uns zur Nachuntersuchung. Dann ging es nach Hause. Diesen Raum, mit den Liegen, der weißen Bettwäsche und der mir unwirklich erscheinenden Atmosphäre werde ich niemals vergessen. Das KANN ich nicht vergessen.

Denn jedes Mal, wenn ich abends ins Bett gehen möchte, geschieht etwas Schreckliches: Ein großes, riesengroßes schwarzes Etwas erscheint, geht mit ausgebreiteten schwarzen Ärmeln, die herunterbaumeln auf mich zu und zwingt mich, mich hinzulegen. Dann legt sich das große schwarze Etwas auf mich drauf. Es spricht nicht, aber ich weiß, es will mir eines Tages die Kehle zudrücken. Es übt und irgendwann gelingt es. Ich liege dann da, ganz bewegungslos, kann es nicht abschütteln und höre mich weinen, bevor ich schließlich in Ohnmacht falle. Ohnmacht, denn Schlaf ist es nicht. Mir bleibt dann nur noch, darauf zu warten, dass mein Lebensgefährte endlich wieder zurück kommt und dass er mir hilft, das alles wieder abzuschütteln.

Bis heute bereue ich, jemals einer Abtreibung zugestimmt, jemals einen Beratungsschein ausgestellt und selbst eine Abtreibung gemacht zu haben.

Erst wurde ich krankgeschrieben, jetzt lebe ich von Hartz IV. Damit mir nicht die Decke auf den Kopf fällt, habe ich morgens eine Putzstelle angenommen. Die alte Dame tut mir gut und ich versuche, ihr das Leben zu erleichtern. Sie war es auch, die mir die Adresse von Tiqua e.V.  gegeben hat

Svenja T.

 

 

 

Das nachfolgende Gespräch habe ich (Sonja Dengler) aufgezeichnet. Es fand zu dritt statt: 2 Beraterinnen, die Beratungsscheine ausstellten, wollten mit mir „über ein bestimmtes Thema“ reden.

Eine von ihnen begann unerschrocken das Gespräch:
„Nein, ich habe keine Probleme damit, dass ich Beratungsscheine ausstelle und schon gar nicht damit, dass Frauen leider Gottes das eine oder andere Mal ihre Schwangerschaft abbrechen müssen“, sagt die Beraterin von profamilia, die zusammen mit ihrer Freundin vor mir sitzt, und schaut mir dabei angriffslustig in die Augen.

„Ach so, ich nahm an, Sie sind mitgekommen, um mit mir über den ‚Beraterbrief zu sprechen“, erwiderte ich.

„Über den Beraterbrief möchte ich mit Ihnen sprechen und ich wollte Sie schon lange kennen lernen, weil man sich viel über Sie erzählt. Meine Kollegin und ich sind befreundet und als sie mir sagte, dass sie zu Ihnen kommen möchte, weil sie unruhig ist über die Sache mit der Unterschrift auf dem Beratungsschein, dachte ich mir, dass ich mitkomme.Deshalb sage ich Ihnen am besten gleich, dass ich anderer Meinung bin als Karin. Mir macht das nichts aus, im Gegenteil. Ich helfe den Frauen gern, wenn sie abtreiben wollen. Meistens müssen sie das ja tun, weil sie keine andere Wahl haben. Übrigens tun sie es nicht gern. Folglich muss ihnen einer helfen, das bin dann in dem Fall ich. Außerdem denke ich, dass viele Frauen die Männer mit ihren Schwangerschaften erpressen – und das finde ich unmöglich. Überhaupt denke ich, dass Frauen diese völlig überbewerteten Mutterschaftsgefühle künstlich hochschaukeln, sich rein steigern und die armen Männer stehen daneben und haben meist zu Recht den Eindruck, dass sie für etwas zahlen müssen, was den Frauen plötzlich so wichtig ist. Meiner Meinung nach haben die Frauen auch gar nicht kapiert, was es heißt, ein Kind zu bekommen. Sie geben ihrer Gefühlsduseligkeit nach und danach kommen sie nicht klar mit dem Kind. Da ist es besser, es gleich wegmachen zu lassen!“

Frau Kolbert (*Name geändert) sieht mir ärgerlich in die Augen und ich überlege, warum sie wirklich mitgekommen ist. Ich blicke zu ihrer Freundin. Ich spüre, sie möchte erst mit mir sprechen, wenn ich zuvor Frau Kolbert geantwortet habe.

Ich wende mich wieder Frau Kolbert zu: „Seit wann sind Sie denn so sicher, dass Frauen zum einen so gefühlsduselig sind und zum anderen nach der Geburt nicht mit den Kindern klarkommen?“

„Am Anfang war ich mir natürlich da nicht so sicher wie heute, das stimmt. Mit der Zeit vervollständigt sich das Bild aber, wenn man Frauen berät. Sie werden es Vorurteile nennen, ich nenne es die Stimme der Erfahrung. Ich weiß, wovon ich rede.“ Sie lächelt und zeigt sich entspannt.

„Was genau meinen Sie, wenn Sie von ,Stimme der Erfahrung sprechen?“

Frau Kolbert atmet tief durch, ohne den Blick abzuwenden und erklärt: „Ich habe selbst einmal abgetrieben. Ich weiß daher ganz genau, wovon ich rede. Aber ich bereue es nicht, habe auch keine Alpträume, keine Schweißausbrüche oder leide etwa unter irgendeinem jener Symptome, über die Sie sich vielleicht freuen könnten oder das Ihre These stärken könnte, dass alle Frauen unter ihren Schwangerschaftsunterbrechungen leiden. Zu denen gehöre ich jedenfalls nicht. Vor Ihnen sitzt eine Frau, die unbeschwert weiterlebt.“
Frau Kolbert versteht es gut, sich zu artikulieren und ist eine eloquente Gesprächspartnerin.

Ein drückendes Schweigen ist mittlerweile im Raum entstanden. Karin, ihre Freundin, schaut erschrocken Frau Kolbert an. Vermutlich hat sie von der Abtreibung gar nichts gewusst.Ich wäge daher erst ab, ob ich weiter dieser persönlichen Abtreibungs-Geschichte nachgehe oder sie doch lieber ungefragt im Raum stehen lasse. Aber ich mache mir bewusst, dass sie diejenige war, die das Thema anschnitt, und ich schließe daraus, dass sie darüber sprechen möchte. Wahrscheinlich will sie mir ‚beweisen’, dass sie sich keine Gedanken mehr über die zurückliegende Abtreibung macht.

Mir ist in den über 40 Jahren noch keine einzige Frau begegnet, die nach Abtreibung tatsächlich symptomfrei geblieben wäre – bei einigen  Frauen treten sie zwar erst viel später auf (ich habe Briefe bekommen, in denen mir Frauen schreiben, sie können nicht sterben, obwohl sie alt und krank sind, da sie nicht mit der Abtreibung zurechtkommen), als bei den meisten, aber symptomfrei blieb bisher keine. Auffällig ist, dass viele Frauen zwar immer wieder äußern, dass „da nichts zurückgeblieben“ sei, aber das nachfolgende Gespräch lässt unmissverständlich erkennen, dass sie sich etwas vormachen. Von symptomfrei-sein sind sie sehr weit entfernt. Alle Frauen haben vor der Abtreibung erwartet, dass sie danach wieder unbeschwert (mit den ganz normalen Schwierigkeiten, die das Leben so bietet) leben können, sie erwarteten, dass es danach so wäre,  als ob sie vorher nicht schwanger waren.

Bei Frau Kolbert scheint zu ihnen zu gehören und ich entscheide mich daher, auf das von ihr eingebrachte Gesprächsthema einzugehen.

„Wie lange liegt denn das zurück, können Sie sich daran noch erinnern?“, frage ich vorsichtig und bekomme ohne Zögern Antwort: „Natürlich kann ich mich daran erinnern, wann das war, ganz genau sogar! Das war im Februar 1997 und ich bin seitdem jeden Tag dankbar dafür, denn das Kind hätte unter diesen Bedingungen keine gute Kindheit gehabt. Es ist nicht richtig, wir dürfen das nicht, Kinder in eine solche Umwelt und ein solches Umfeld hineinsetzen, davor müssen wir sie schützen!“

Das ist eine Überraschung: Sie wäre fähig gewesen, ihr Kind zu schützen, tat dies jedoch ausgerechnet dadurch, dass sie ihm das Leben nahm – zu o.e. Symptomen gehören solcherart verdrehte Gedankenkonstrukte. Wenn ein Kind zur Welt kommt, verändert sich etwas im Familiengefüge – und diese Zeit der Veränderung kann man nutzen, um aus der bloßen Veränderung eine Verbesserung für alle zu machen. Warum hat sie diese Chance wohl nicht verworfen?

„Haben sich denn Ihre Lebensbedingungen seither, also nach dem Abbruch, eher verschlechtert, so dass Sie jetzt sagen können: ‚Es ist gut, dass ich ohne Kind bin’?“

Da kommt ein vehementes „Oh ja!“‚ „Ich bin zwar nicht verheiratet, lebe aber bereits sehr lange mit meinem Lebenspartner zusammen und man könnte meinen, dass ein Kind  dann doch hätte kommen können. Aber Sie müssen wissen, mein Mann braucht mich, der hat es im Leben schwer, das ist nicht so einer, der morgens aufsteht und die Welt umarmen kann, der braucht ein warmes Nest, er war immer schon schwermütig und ich bin diejenige, die heimlich den ganzen Kahn lenkt. Ich muss immerzu überlegen, welche Entscheidung jetzt getroffen wird, und welche nicht. Wenn es ihm nicht gut geht, dann geht die Post ab und ich MUSS ihm dann helfen, dabei können wir kein Kind brauchen und ich sage Ihnen nochmals, dass ich keinerlei Gewissensbisse oder so was dabei habe! Es war richtig, die Schwangerschaft abzubrechen, ich wiederhole es gerne so lange, bis Sie es mir wirklich glauben.“

„Wie darf ich mir denn so was vorstellen: Da, geht die Post ab’, schreit Ihr Mann dabei laut herum oder betrinkt er sich, pöbelt er die Nachbarn an, wie zeigt er sich, wenn er die Post abschickt?“

„Sie haben fast den Nagel auf den Kopf getroffen. Er trinkt dann, aber nur Rotwein, etwas anderes erlaube ich ihm nicht. Wenn er sich dann abgefüllt hat, seine Depressionen ihn wieder einholen, dann verfolgt er mich durch die ganze Wohnung bis zu meinem Schlafzimmer. Ich sperre mich dann ein, weil ich nicht möchte, dass wir Streit miteinander haben. Trotzdem will ich ihn nicht verlassen, jeder hat schließlich seine Macken.“

Mir fällt auf, dass sie von ‚meinem’ Schlafzimmer spricht, von ‚er verfolgt mich’, aber noch mehr interessiert mich die Sache mit dem Rotwein, aber das will ich erst später fragen.

„Und wie geht das dann weiter, wenn Sie durch die Schlafzimmertür Distanz und Sicherheit geschaffen haben? Wie schnell gelingt es Ihnen dadurch, ihn zu beruhigen?“

“Das ist ja exakt der Punkt, warum ich froh bin, wenigstens nicht zusätzlich noch ein Kind zu haben, das schreit, das gewickelt werden muss, das gefüttert, ausgefahren und einfach rundum dauernd versorgt sein will. Mir gelingt es nämlich gar nicht, ihn zu beruhigen. Ich muss warten, bis er aufhört, gegen die Tür zu hämmern und zu brüllen, dass ich aufmachen soll. Er hat auch schon mal mit der Axt gegen die Tür geschlagen, aber da hat mein Nachbar die Polizei gerufen. Die Polizisten haben ihm die Axt und das Messer aus der Hand genommen, was ihn noch wütender machte, aber die waren zu zweit und haben ihn dann doch niedergerungen. Die Nacht verbrachte er dann in der Ausnüchterungszelle. Das war ihm eine Zeitlang auch eine Lehre, da hat er sich etwas mehr zusammengenommen.“

„Sie sagten: ,Er verfolgt mich mit dem Messer’?! Habe ich das so richtig verstanden, dass er Sie dann mit dem Messer ernstlich bedroht?!“

„Ah ja! Sehen Sie, so ist das Leben, dass Sie sich gar nicht vorstellen können, warum ich mich so freue, nicht mehr schwanger zu sein: Sobald er eine bestimmte Menge Alkohol getrunken hat, geht er scheinbar unauffällig in unsere Küche und holt aus dem Messerblock ein großes Messer. Falls es gerade so ist, dass ich den Messerblock noch rechtzeitig verstecken konnte, nimmt er auch ein kleines Küchenmesser oder ein ganz normales Messer, mit dem man isst, auch Gabeln hat er schon in der Faust gehabt. Und dann rennt er herum und ruft ständig, dass er mir die Kehle durchschneiden will. Das ist aber nur so, wenn er zu viel Rotwein getrunken hat. Sonst ist er sehr liebenswert und eigentlich ganz anders. Aber wie, bitte schön, wollen Sie DAS denn einem Kind erklären!? Es war richtig, die Schwangerschaft abzubrechen. Es ist richtig, mich nicht von meinem Mann zu trennen. Ein Leben ohne ihn kann ich mir nicht vorstellen …“

„Und das, was Sie da schildern, das spielt sich dann ab, wenn Sie sagen ‚die Post geht ab’?“ Sie nickt, schaut mich herausfordernd an.

Frau Kolbert vermittelt jetzt keinen entspannten Eindruck mehr, sie hat Tränen in den Augen und sie merkt scheinbar nicht, wie sie gerade eine Papier-Serviette in aller kleinste Schnipsel zerlegt.

„Weiß denn Ihr Mann von der Schwangerschaft und dem folgenden Abbruch?“

„Natürlich weiß er das! Ich verschweige ihm nichts. Er musste mich ja auch hinfahren, darauf habe ich bestanden! Aber ich habe ihm damals gleich gesagt, nachdem ich den Schwangerschaftstest gemacht hatte, dass ich auf gar keinen Fall sein Kind bekommen werde. Er wollte zwar nicht, dass die Schwangerschaft unterbrochen wird, aber ich habe ihm gesagt, so geht das nicht, ich ziehe es nicht groß.“

Wieder diese Abgrenzung: ‚sein’ Kind. Aber mir scheint es dennoch an der Zeit, das Thema  Rotwein anzusprechen.

„Vorhin erwähnten Sie im Zusammenhang mit dem Rotwein, dass Sie ihm den erlaubt haben. War Ihr Lebenspartner denn bis zu dieser Erlaubnis bereits schon so auf Alkohol angewiesen oder wie kam es denn zur Rotwein-Erlaubnis?“

„Ja, auch daran erinnere ich mich genau, ich habe ein sehr gutes Gedächtnis. Mein Mann hat zwar damals noch nicht so viel getrunken, aber doch hin und wieder morgens einen Schnaps. Das wurde mir dann irgendwann zu unheimlich und ich habe ihm gesagt, da wollte er gerade wieder mit mir schlafen: ‚Ich bin nicht bereit, mit dir zu schlafen, wenn du getrunken hast, das mache ich nicht’. Da gab es natürlich erst mal Streit und Tränen, aber er hat es schließlich akzeptiert. Am nächsten Abend haben wir dann darüber gesprochen und am Ende habe ich gesagt, dass er die harten Sachen weglassen muss, wenn er schon was trinken muss, dann wenigstens etwas Besseres. Und so sind wir zum Rotwein gekommen. Selbstredend habe ich damit gerechnet, dass er weniger Rotwein trinkt als Schnaps, dass er auf diese Weise genießen lernt und es automatisch weniger wird mit dem Trinken. Damals habe ich auch mit ihm vereinbart, wenn es trotzdem mal zum Sex kommen sollte und dabei womöglich eine Schwangerschaft entsteht, dass ich das Kind dann nicht bekommen werde – kein Alkohol-Kind, haben wir die Vereinbarung dann genannt.

Leider hat er mich dann später im Vollrausch doch gegen meinen Willen zum Sex überredet und leider kam es auch wirklich zu der unerwünschten Schwangerschaft. Ich war wütend und sauer und wollte mich eigentlich von ihm trennen und dann dachte ich, dass ich mit ihm zusammenbleiben kann, wenn ich den angekündigten Abbruch mache. Den habe ich dann durchgezogen, gegen seinen Willen, er wollte nicht, dass ich nach da hingehe, also nach Stuttgart. Aber diesmal habe ich nicht nachgegeben, nicht wie damals beim Alkohol. Er sollte jetzt erleben, dass Vereinbarungen auch eingehalten werden. Punkt. Das war’s dann. Er hat mich hingefahren und wir haben es hinter uns gebracht. Seitdem bin ich froh, dass ich diese Entscheidung so getroffen habe.“

„Erinnern Sie sich denn noch daran, welche Argumente er zugunsten der Schwangerschaft vorbrachte?“

„Er hat immer nur ein Argument gebracht, dass er nämlich zu Hause bleiben könnte, dass ich weiter, wie gewünscht, berufstätig sein kann – und dass er die Zeit der Schwangerschaft nutzen könnte für eine Entziehungskur.“ Ihre Stimme klang nun zunehmend traurig.

„Und wie war dazu Ihr Gegenargument?“

„Vereinbarungen sind Vereinbarungen, das habe ich ihm immer wieder vorgehalten. Er hätte genug Zeit für eine Entziehungskur gehabt, die hat er nicht genutzt! Mehr habe ich nicht dazu  gesagt. Schließlich hat er aufgegeben.“

„Und Ihr Lebenspartner hat in Stuttgart dann auf Sie gewartet und Sie wieder nach Hause gefahren?“ Diese Frage stellte ich ihr nun, damit sie mit den unaufhörlich rinnenden Tränen vielleicht aufhören könnte.

Sie putzte sich die Nase: „Ja, er ist solange in die Stadt gegangen, ohne etwas zu trinken, das merke ich immer gleich, und nachdem ich die Praxis verlassen konnte, hat er mich ganz sanft so am Arm genommen, das hat er selten getan, mich zum Auto gebracht und ich dachte noch auf der Heimfahrt, dass er jetzt durch diese Lektion gelernt hat, dass Trinken, auch Rotweintrinken, keine Zukunft bei uns beiden hat. Das hat gesessen und die Tatsache, dass er in der Zwischenzeit nüchtern blieb, machte mich richtig froh.“

„Wie oft schickt denn Ihr Lebenspartner die Post ab, nimmt das eher zu oder nimmt das eher ab?“

„Es nimmt zu, ganz klar. Mittlerweile habe ich sogar bei der Polizei meine Wohnungsschlüssel hinterlegt, damit sie nicht mehr das Schloss kaputtmachen müssen“, sagte sie unter Tränen.

„Wann war es denn das letzte Mal, als die Post-Geschichte wieder soweit war?“

„Vor eineinhalb Wochen.“

„Hat er – soweit Sie sich daran erinnern können – das Messer immer schon gegen Sie benutzt, also auch schon zu den Schnaps-Zeiten, oder hat sich das erst später dazu entwickelt, gewissermaßen?“

„Das hat sich dazu entwickelt, das war nicht immer so, aber es nimmt halt zu, verstehen Sie, das Kind hätte keine Chance gehabt bei uns!“ Jetzt schaut sie mich wieder voll an, die Augen ganz rot.

Ich nicke und frage dann: „Erinnern Sie sich denn noch daran, womit Sie gerade beschäftigt waren, als er das erste Mal zum Messer griff, und wann das war?“

Wieder schenkt sie mir diesen Blick und sagt: „Daran erinnere ich mich ganz genau. Ich war in der Küche und habe das Abendessen weggeräumt, da riss er ganz plötzlich ein Messer aus dem Messerblock, ich merkte, dass er voll geladen (=betrunken) war und habe schreckliche Angst bekommen. Wir haben dann miteinander gerungen und es gelang mir, mich ins Schlafzimmer zu retten. Das war der Abend, als dann schließlich der Nachbar zu Hilfe kam und die Polizei anrief.“

„Wissen Sie denn noch das Datum, als dieses erste Mal auftrat?“ 

„Ja, den genauen Tag weiß ich nicht mehr, da müsste ich nachgucken, ich schreibe ja auch Tagebuch, müssen Sie wissen. Aber ich weiß ganz sicher, dass das im Februar 1997 war.“

Sie spricht dieses Datum aus – und erschrickt sichtlich. Die Tränen laufen ihr wieder über das Gesicht und nun muss ich, wenn ich ihr da heraus helfen soll, weiter fragen:

„Gehen Sie davon aus, dass das erste Mal Postabschicken eher vor oder eher nach der Schwangerschaftsunterbrechung war?“

„Exakt war es am Tag danach, also exakt am Abend danach“, sagt sie schwach, „da bin ich mir ganz sicher.“

Ich habe dann noch mit ihr im Einzelnen besprochen, wie das alles für sie war und mir die Erlaubnis geben lassen, mit ihrem Lebenspartner Kontakt aufzunehmen. In dem Gespräch ist sichtbar geworden, dass Frau Kolbert sehr wohl starke Symptome zeigt: z.B. begründet sie die schon viele Jahre zurückliegende Abtreibung mit Ereignissen, die erst  nach (!) der Abtreibung geschahen.

Mit ihrer Freundin, die Initiatorin des Gespräches war, vereinbarte ich einen separaten Termin.

Sonja Dengler, 1. Vorsitzende Tiqua e.V.

 

„Kraft macht keinen Lärm, sie ist da und wirkt“ (Albert Schweitzer) 

Zu den eher Stillen gehörte ich schon immer. Es ist auch durchaus üblich, dass man mich unterschätzt und glaubt, mit mir könne man alles machen. Mich für einen Schwächling oder für eine Jasagerin hält.

Niemand, lange Zeit nicht einmal ich selbst, wusste, dass ich als die Zurückhaltende eine ganze Menge aushalte und verkrafte, aber mir meine eigenen Gedanken mache, die ich gewöhnlich mit niemandem teile. Mein Lebensmotto war immer: Wer schweigt, hat die Macht.

Es gab einen Anlass, der mir klarmachte, welche Kraft in dieser Unauffälligkeit lag. Diese Kraft wollte ich nun nutzen, um den Frauen da zu dienen, wo sie meiner Meinung nach unterdrückt und gegängelt und bevormundet werden. Wo man sie zu Gebärmaschinen degradieren will und wo man ihnen vorschreiben will, ob sie Kinder zu bekommen haben oder nicht. Nicht, dass ich etwa ganz wild darauf war, an Abtreibungen mitzuwirken. Es war vielmehr so, dass ich einfach dort an dieser Stelle eingreifen wollte. Außerdem gibt es Sozialpädagoginnen  en masse und ich war froh, eine ausgeschriebene Stelle bei profamilia zu bekommen. Dass es dann ausgerechnet hier dazu kam,  meine ‚Jede-Frau-sollte-selbst-und-frei-entscheiden-dürfen-ob-sie-ihr-Kind-kriegt-oder-nicht‘ Haltung wieder aufzugeben, lag nicht am traditionell schlechten Betriebsklima. Es lag auch nicht an der eigentlich recht sichtbaren Perspektivlosigkeit. Es lag auch nicht an der äußerst dünnen Bezahlung oder ähnlichem. Es lag auch nicht daran, dass wir alle eine erklärte Feindin haben (gemeinst ist: S. Dengler, Anm.d.Red.). Auf die wir mehr oder weniger alle starrten, sie hassten und gleichzeitig auch beneideten. Hin- und her gerissen dabei. Meist aber zornig, mit einer Mordswut im Bauch.

Nein, der Anlass wurde schlicht und ergreifend dadurch gegeben, dass ich eines Tages einen Auftrag bekam, der einmal mehr von mir verlangte, dass ich lügen musste, vor allem mich selbst belügen.

Wir erhielten den Anruf eines jungen Mannes, der uns um Hilfe bat. Seine Freundin sei depressiv, bereits seit vielen Jahren. Sie sei nun schwanger, und er und sie wollen das Kind nicht. Das war an sich nichts Ungewöhnliches, so geht es oft vor sich. Ungewöhnlich war hier, dass er erklärte, seine Freundin sei auf sein Betreiben endlich in die städtische Klinik eingeliefert worden und er erwarte, dass dort der Abbruch vorgenommen würde. Er habe bereits alles mit dem behandelnden Arzt besprochen. Der sei sehr verständnisvoll und habe bereits einige Gespräche mit der Freundin geführt. Warum er denn dann noch bei uns anrufe, wollte ich wissen. Er rufe an, sagte er, weil er und seine Freundin seit zwei Wochen bereits in Beratungsgesprächen seien, aber der Verdacht bestünde, dass sie wohl nie den erforderlichen Beratungsschein bekommen würden. Da sind mir gleich lange Ohren gewachsen und ich habe zurück gefragt, ob es sich dabei um Frau Dengler handele. Ja, bestätigte er, ob ich die denn kenne?

Ich erklärte ihm daraufhin, dass Frau Dengler gar nicht berechtigt sei, einen Beratungsschein auszustellen, dass die nie einen Schein ausstellen, er radikalen Lebensschützern auf den Leim gegangen sei. Er wurde richtig wütend und fragte, was er denn machen könne, er habe von einem Freund gehört, dass profamilia Beratungsscheine aus stellt und den Schein auch in die Klinik bringe. Ich war empört über die Situation und habe ihn nach der genauen Klinik gefragt und ihm erklärt, dass er alles vorbereiten könne für den Abbruch und ich morgen früh den Schein bringen werde. Er war sehr erleichtert und vergewisserte sich, ob ich das wirklich täte. Ja, selbstverständlich komme ich und bringe den Schein.

Das tat ich dann auch. Im Zimmer traf ich auf eine Frau, die mit zwei anderen Frauen das Zimmer teilte. Ihr Gesicht war bleich und starrte mir ängstlich erwartungsvoll entgegen. Ich wartete nicht lange und zog den Umschlag mit dem Beratungsschein aus der Tasche und übergab ihn ihr. In diesem Moment ging die Zimmertür auf und Sonja Dengler stand im Zimmer. Die junge Frau im Bett fing an zu weinen und streckte ihr die Hände entgegen. Die Frau Dengler fragte mich sofort, wer ich sei und was ich hier tue, ob ich denn nicht wahrnehme, dass die Schwangere gar keinen Abbruch will. Dass der Einzige, der daran interessiert ist, der Kindesvater sei. Dass ich doch ganz genau wisse, dass ich gesetzlich dazu verpflichtet bin, den Beratungsschein erst auszustellen, wenn ein Beratungsgespräch vorausging und ich alles zuvor getan haben müsste, um die Abtreibung zu vermeiden. Aber ich ließ mir nicht die Butter vom Brot nehmen und lachte sie einfach aus. Ich arbeitete ja immer im Bewusstsein dessen, dass niemand uns kontrollierte, auch nicht kontrollieren wollte und dass es ja schließlich jemanden geben muss, der sich die Hände schmutzig macht. Das sind wir, das machen wir gerne. Das ist unser Credo.

Ich warf der Frau Dengler also vor, dass sie das alles hier gar nichts anginge und dass sowohl die Schwangere als auch die beiden anderen Patientinnen bestätigen könnten, dass hier vor einer halben Stunde ein Beratungsgespräch stattgefunden habe. Die beiden staunten uns bis dahin stumm an, aber nun schüttelten sie die Köpfe und riefen, ich sei gerade erst hereingekommen, habe den Umschlag auf das Bett gelegt und wollte sofort wieder gehen. Damit hatte ich nicht gerechnet und war richtig sauer.

Der Tumult führte dazu, dass schließlich Schwestern und ein Arzt hereinkamen. Damit hatte ich auch nicht gerechnet. Das Schild auf dem Kittel zeigte mir, dass es der Arzt war, der den Abbruch vornehmen sollte.

Aber Frau Dengler ging direkt auf ihn zu und forderte: „Fragen Sie bitte im Beisein aller Anwesenden die Schwangere, ob sie eine Abtreibung möchte oder nicht!“ Der Arzt wehrte sich und erklärte, dass er schon mehrmals mit ihr gesprochen und den Eindruck habe, sie wäre unfähig, ein Kind zu erziehen. Schließlich fragte Frau Dengler direkt die Schwangere, ob sie jetzt, heute und hier eine Abtreibung vornehmen lassen wolle oder nicht. Zu meinem Entsetzen verneinte sie das und weinte, während sie auf die nächste Person mit dem Finger zeigte, die den Raum betrat, es war der Kindesvater, der gerade hereinkam.

Er und ich, wir sahen uns an, da war klar, dass wir hier kein Land mehr zu gewinnen hatten. Er war wütend, ich war auf ihn wütend und so sind wir regelrecht aus dem Zimmer geflohen. Er lief davon, ohne noch irgendetwas zu sagen.

Keine große Sache, so wie sich das jetzt so liest. Aber ich hatte damit ein Problem. Im Auto saß ich eine ganze Weile und ich entdeckte zu meiner Überraschung, dass mir mein Herz bis zum Hals klopfte. So heftig, dass ich dachte, es springt mir gleich aus der Kehle. Ich konnte mich nicht beruhigen. Und das verstand ich nicht.

Seit diesem Vorfall aber trage ich diese Frage mit mir herum. Warum hast du da im Auto gesessen, dich wie eine Verbrecherin gefühlt, wo du dir doch bis dahin so hilfsbereit vorkamst?

Mir wurde bald bewusst: Weil ich eine Verbrecherin BIN, deshalb kam ich mir auch so vor.

Das klingt hart, ist aber einfach die Wahrheit. Ich sorge dafür, dass Kinder umgebracht werden. Sehr viele von ihnen. Und ich bin auch noch stolz darauf, bei der Organisation zu arbeiten, die das nicht nur gerne tut, sondern die die meisten Kinder tötet. Einige von uns haben auch Minderjährige mit dem Beratungsschein ausgestattet und die notwendigen Abtreibungstermine in der Regel telefonisch, manchmal aber auch persönlich vereinbart, obwohl das Gesetz verbietet, Minderjährigen ohne Zustimmung des Erziehungsberechtigten Zugang zur Abtreibung zu gewähren.

Ich lebe davon, dass ich mithelfe, Kinder zu töten, indem ich meine Unterschrift auf jeden Beratungsschein setze. So ist es. Kurz und bündig. Und furchtbar. Und jetzt kann ich das nicht mehr länger ertragen.

Am Ende, obwohl ich weitermachte mit Schein-ausstellen, aber die Niederlassung wechselte, ging ich zu Frau Dengler, um zu reden. Ich hörte, dass man das tun kann und dass sie einem weiterhilft. Mir jedenfalls hat sie auch geholfen. Sie hat mir geholfen, die Augen der Schwangeren loszulassen, die mich seitdem ebenso verfolgten, wie die entsetzten und wütenden Blicke der beiden anderen kranken Frauen im Zimmer. Und sie hat mir geholfen, mit diesen Schuldgefühlen das zu tun, was getan werden musste:

Sie hat mich wieder zurückgeführt in das Land, das wir beide „meine Stärke“ nennen. Eine Kraft, die leise da ist und wirkt, wie A. Schweitzer sagt.

Heute denke ich, dass ich gar nicht die gleiche Person bin wie die damals. Wie konnte ich nur so blöd sein und diesen Schwachsinn einfach mitmachen. Mich mit aller Kraft an der „Hilfe für Frauen“ derart zu berauschen und es ist doch nur das eine, der Tod so vieler Kinder! Was hat mich da nur geritten?!

Es musste erst so ein erschreckender Auftritt in der Öffentlichkeit passieren, dass ich mich stoppen ließ.

Was ich einigermaßen tröstlich finde: Der Kreis derer, die damit nicht mehr zurechtkommen, ist größer als ich dachte. Aber es sind noch immer nicht genug. Wir müssen noch mehr werden. Ich hoffe, durch diesen Bericht dazu beizutragen, dass es noch viel, viel mehr werden.

Sarah K.

 

Aus Feind wird Freund

Wie lange ich schon vor dieser Überschrift sitze, die ich mir wiederum nach endlosem Überlegen ‚genehmigt‘ habe, weiß ich nicht. Endlos lang sitze ich davor. Um nach sieben Jahren zu sagen: So etwas gibt es. Aus einem Feind wird eine Freundin – mir ist das Vorrecht vergönnt, dass aus einem Feind, besser gesagt: aus einer Feindin (das ist meine persönliche Steigerung von Feind), eine Freundin wurde. Eine Freundin, die viel gibt und viel von mir verlangt, z.B., dass ich jetzt „endlich“ alles aufschreiben solle. (endlich?)

„Endlich“, das ist, glaube ich, ein Lieblingswort von ihr. Jedenfalls im Zusammenhang mit mir, vermutlich weil ich dazu neige, schneller als Andere die richtigen Dinge meines Lebens zu identifizieren., aber dann zögere ich plötzlich, weiß nicht, warum. Die Konsequenzen, die sich für mich daraus ergeben, zögere ich so weit wie möglich hinaus. So ist der Grund, dieses aufzuschreiben, der, dass sich morgen das siebente Jahr meiner Therapie bei meiner Lieblings-Feindin jährt. Das ist der Stichtag, an dem ich mir im Laufe der letzten Jahre vornahm, die Entscheidung zu treffen. Mache ich weiter als Abtreibungsarzt für profamilia oder nicht. Morgen. Nicht vorher. Nicht nachher. Morgen entscheide ich mich. Endlich.

Seit zweieinhalb Stunden brüte ich. Wie schreibt man etwas auf, das man getan hat? Noch tut? Wenn man das, was man tut, hasst? Noch dazu mit der Überzeugung lebt, dass es eigentlich egal ist, ob ich es tue. Wenn ich es nicht tue, tun es andere. Dann kann ich es doch auch tun?!

Wie auch immer. Im Laufe dieses Tages und der kommenden Nacht muss und will ich eine Feststellung treffen, warum das Tun oder Lassen für MICH einen Unterschied macht und meine Gedanken jeweils aufschreiben.

„Wir bleiben so lange hier sitzen, bis Sie sich alles aus der Seele geschrieben haben. Was würde denn Ihr bester Freund als ersten Satz niederschreiben?“, fragte mich Frau Dengler, „und dann nehmen Sie genau diese Aussage und beginnen Sie.“

Mein bester Freund?  Ja, den gab es tatsächlich einmal.

Mein bester Freund, der hat sich damals nicht beworben, um Abtreibungen zu machen, der hat damals schon gesagt, dass er so etwas nie machen würde, ihm reicht, was während der Ausbildung verlangt wurde, da war er nahe dran, alles hinzuschmeißen, er hat gekotzt und geheult nach seiner ersten ‚Ausschabung‘ und am ganzen Körper gezittert. Ich nicht.

Vermutlich würde Olav mir als ersten Satz schreiben: „Du hast immer beweisen wollen, wie cool du bist. Du hast dich immer schon gemeldet, weil du die Drecksarbeit machen wolltest, die andere ablehnten. Du hast dich immer nur dann toll gefühlt, wenn du alle übertrumpfen konntest, das konnte gar nicht abgefahren genug sein. Weißt du noch, wie du dich als ERSTER gemeldet hast, als wir zusammen im AIP standen und gefragt wurde, wer bereit ist, sich für Abtreibungen einteilen zu lassen? Weißt du noch, wie du als Einziger den Arm hochgerissen und im Brustton der Überzeugung gerufen hast: „Ich!“? Genau so würde Olav mit mir reden, genau so würde er beginnen.

Der Kontakt zu Olav schlief bereits vor zwei Jahrzehnten ein. Trotzdem erinnere ich mich ganz genau an die ersten Abtreibungen  – wie gern ich mich gemeldet habe und wie stolz ich war, als ich ringsum nur betretene Gesichter gesehen habe. Eingezogenen Kopf bis auf die Schultern hatten sie alle! Bis auf mich. Ist es wirklich so einfach gewesen? Morgen früh werde ich es wissen …

Ich glaube, es war nicht nur so einfach, es war noch viel schlimmer: Ich habe mich immer regelrecht vorgedrängt, um Abbrüche zu machen. Wenn einer vorm Dienstplan stand und sagte: „Oh Mann, heut bin ich dran!“, dann rettete ich ihn: „Lass mich das machen.“ Ob es irgendwie daran lag, dass ich mich schnell beliebt machen oder ob ich wirklich nur behilflich sein wollte, kann ich heute nicht mehr sagen. Es kann auch so sein, dass mir das Töten der Kinder Spaß machte. Es war auch irgendwie faszinierend, Herr über Leben und Tod zu sein. Es ist ja, wenn ich so darüber nachdenke, die denkbar größte Macht, die ich haben kann. Daumen hoch oder Daumen runter. Ich habe nie Daumen hoch gemacht. Ich dachte mir, die Frauen werden wissen, was sie wollen. Außerdem waren sie in der Beratung, haben mit einer Frau gesprochen, meistens jedenfalls. Dann haben sie einen Termin gemacht. Was soll ich mich da noch reinhängen? Ich hatte nie die Absicht. Ich sah immer zu, dass alles sauber ablief, damit keine Unruhe aufkommt. Ich schaute kurz auf das Blatt, damit ich sehen konnte, wie viele Abtreibungen heute dran sind. Dann ging ich nach nebenan, um mit den Frauen kurz darüber zu sprechen, wie es abläuft. Das machte ich immer sachlich. „Sie brauchen keine Angst zu haben. Sie werden nichts spüren. Sie müssen hier nicht um Ihr Leben fürchten wie das früher mal so war, als Hebammen illegal abgetrieben haben. Sie sind hier in guten Händen, entspannen Sie sich. Sie werden nichts davon merken.“ Dann fragte ich noch, ob sie alle Papiere abgegeben und ob sie alles verstanden haben und ob sie dazu noch Fragen haben. Nein, Fragen wurden nie gestellt. Mir war immer wichtig, die Frauen in Würde und Gelassenheit zu behandeln, aber nichts von all dem an mich heranzulassen. Ich arbeitete nach der Devise: Ich bin nur derjenige, der ausführt, was andere zu verantworten haben. Wenn die Schwangerschaft ungewollt ist, dann war´s das. Punkt, Aus, Ende.

 

Warum in aller Welt habe ich mich immer so vorgedrängt; was hat’s mir denn gebracht?! Sooft ich mir auch den Kopf darüber zerbrechen will, so wenig finde ich eine Antwort darauf. Sobald ich den Inhalt meines Kopfes anzapfe, finde ich sehr viele Abtreibungen, finde ich Szenen, in denen ich vor dem gynäkologischen Stuhl  hocke und ‚arbeite’, noch mehr aber finde ich dort Situationen, in denen ich mich immer wieder vor dem Dienstplan stehen sehe oder im Arzt- bzw. Schwesternzimmer sofort sagen höre: „Lass mich das machen, ich kann das besser, ich kann besser mit ihnen [gemeint sind die Frauen, Anm. d. Red.] umgehen, mich mögen sie lieber, weil ich cool dabei bleibe.“

Ich mochte sie nicht, alle diese ‚ungewollt Schwangeren’, aber eigentlich ist das zuviel gesagt, sie waren mir gleichgültig. Sie kommen wie die Schlachttiere und so gehen sie auch wieder. Mehr sind sie nicht, sie sind keine Personen oder Individuen, sie sind einfach nur das.

„Wenn Sie diese Arbeit nicht mehr tun würden und angenommen, Sie dürften sich zur Belohnung dafür etwas wünschen, aber Sie müssten sich auf einen einzigen Wunsch beschränken, was wäre das dann?“, fragte Frau Dengler in meine Gedanken hinein.

Da gäbe es eine ganze Menge, was ich mir wünschen würde. Zum Beispiel, dass meine erste Frau wieder zur mir zurückkommt und meine beiden Töchter. Dass ich meinen kleinen Schäferhund, den ich als Kind hatte und der vor meinen Augen überfahren wurde, wieder zurückbekäme oder dass ich genug Geld hätte, um mich von der Arbeitswelt zu verabschieden und in der Südsee, völlig unerkannt, den Rest meines Lebens verbringen könnte, ohne Klinik oder Abbrüche.
Oder, dass ich selbst einfach am besten gar nicht am Leben wäre.
Ein größeres Auto, ein Haus am Meer und etwas mehr freie Zeit zur Verfügung, nicht so viele Notdienste übernehmen.

Vielleicht sollte ich mir wünschen, dass der tägliche Alptraum nicht mehr wiederkommt. Der, in dem ich gegen meinen Willen eine Steintreppe hinuntergehe und im Voraus schon weiß, was ich vorfinde, wenn ich um die Ecke biege. Ich will nicht gehen, doch etwas drängt und schiebt mich dorthin: Es sind die Schlachträume, in denen kleine, sehr kleine Babys geschlachtet werden. Das geht sehr laut zu, das Geschrei und die Zurufe der Schlachter und das stumm-halblaute Sterbensstöhnen der Babys. Je länger ich hinschaue, desto mehr sind es und desto lauter wird es. Ich wundere mich im Traum darüber, dass diesen Lärm niemand hört, schließlich sind die Kellerfenster offen, jedermann kann hereinschauen und jedermann kann es hören. Aber dennoch ist niemand da, der unterbricht. Da entdeckt mich einer der Schlachter, er hat kein eigenes Gesicht, steht von seinem dreibeinigen Hocker auf und winkt mich mit einer ausholenden Armbewegung heran, damit ich seinen Platz einnehme. Er hat Schweißtropfen auf der Stirn, ich kann deutlich sehen, wie ihm einer davon direkt über die Augenbraue ins linke Auge tropft. Das ist merkwürdig, denn ein Auge ist ja gar nicht zu sehen, er ist völlig gesichtslos. Dennoch trifft dieser Schweißtropfen ins Auge. Er blinzelt mit dem unsichtbaren Auge und schaut mich ärgerlich an, weil ich seiner Aufforderung nicht Folge leiste. Ich stehe da, wie angewurzelt, er kommt langsam näher. Ich bekomme Todesangst, denn ich weiß plötzlich, wenn ich mich weigere, wird er mich töten, mit dem Skalpell, das er in der anderen Hand trägt. Trotzdem kann ich nicht weglaufen, und als er ganz dicht vor mir steht, ich kann seinen Atem schon riechen, versuche ich im Traum wegzulaufen, aber meine Füße sind wie Blei, ich versuche, den rechten Arm zu heben, um seinen tödlichen Streich abzuwehren – aber ich weiß, dass meine Bewegungen viel zu bleiern sind, um ihm auszuweichen. Mein Tod ist unausweichlich.

In allerletzter Sekunde wache ich auf. Mein linkes Auge brennt, denn Schweißtropfen sind dort hineingelaufen. Mein Mund ist wie ausgetrocknet, ich gehe ins Bad, putze mir die Zähne und trinke Wasser. Froh bin ich, dass ich wieder einmal dem Tod entronnen bin.

„Als einzigen Wunsch würde ich äußern, dass mein fast täglich wiederkehrender Alptraum aufhört“, antworte ich auf die gestellte Frage. „Das ist alles, was ich mir wünsche, aber das kann man sich wohl nicht wünschen?“

„Doch“, sagt Frau Dengler, „das können Sie sich wünschen und wir werden den Weg gemeinsam gehen, damit der Alptraum aufhört, sobald Sie fertig sind mit Aufschreiben.“

„Das geht?!“

„Ja, das geht.“

Nun also, dann entscheide ich mich endlich: Ich werde keine einzige Abtreibung mehr machen. Der Unterschied für MICH wird dann der sein, dass ich nachts keine Todesangst mehr im Schlachtkeller ausstehen muss. Für Sie, die Sie diese Zeilen lesen, mag das vielleicht schon zu Beginn offensichtlich gewesen sein, dann haben Sie doch aber bitte Mitleid mit mir, denn diese Offensichtlichkeit kam erst dadurch zustande, dass ich alles heute hier mal aufgeschrieben habe. Mir blieb es bisher in der Tat verborgen, man nennt das Verdrängung. Was weiß ich.

Martin K.

Anmerkung von Sonja Dengler:
Martin K. schrieb noch seine letzten Zeilen, wir begannen gemeinsam mit dem Weg – und nach dem ersten Abschnitt saß er lange Zeit da und weinte. Er weinte so lange, bis die Oberfläche des  Besprechungstisches so voll war mit Tränen, dass wir sie gemeinsam geputzt haben.

Martin K. hat nach dieser Nacht tatsächlich endlich mit Abtreibungen aufgehört. Aber das hört sich jetzt viel leichter an, als es in Wirklichkeit für ihn umzusetzen war. Er wurde gemobbt (von seinen Vorgesetzten, nicht von seinen Kollegen). Mehrfach wurden Kündigungen angedroht und schließlich auch ausgesprochen. Zu sehen und mitzuerleben, wie er dennoch durchhält, war eine der größten Heldentaten, die ich erleben durfte.

 

Brief an Sonja Dengler

Liebe Frau Dengler,
warum ich ausgestiegen bin, soll ich Ihnen aufschreiben und warum ich zu Ihnen kam, soll ich Ihnen aufschreiben. Ich soll dies aufschreiben für Sie und dadurch meine Kollegen warnen, weiter abzutreiben. Das kann ich nicht.
Obwohl ich Ihnen persönlich für immer, immer dankbar sein werde.
Aber dass ich Kollegen zu Ihnen schicken kann, glaube ich nicht. Dazu müsste ich meine Identität preisgeben. Ich habe mir auf Ihr Anraten hin so viel Mühe gegeben, ,keine Transparente vor mir herzutragen‘. Außerdem glaube ich nicht, dass es mit dem Hinschicken klappen würde. Das muss jeder von sich aus tun, verstehen Sie? Vermutlich hat man mehr Angst vor Ihnen als Sie sich das vorstellen können, die haben die Hosen gestrichen voll, so ging es mir doch vorher auch. Damit sie nicht ins Grübeln oder gar Nachdenken kommen, machen sie weiter und bringen die kleinen Kinder um.
Tatsächlich sehe ich erst jetzt, wo es mir besser geht, anderen dabei zu, auch viel jüngere Kollegen, wie sie mit schon zittrigen Fingern ihren Kaffee umrühren. Das kommt nicht von der vielen Arbeit, das kommt von DER Arbeit.

Sie wissen noch, wie das mit meinem Anfang bei Ihnen war? Mein Freund Hartmut sagte: „Hör auf damit. Ich hab‘ auch aufgehört. Du glaubst nicht, wie gut es mir jetzt geht. Keine Alpträume. Kein Hass gegen Frauen. Keine schweiß-nassen Hände. Geh mal zu Frau Dengler, die half mir damals beim Ausstieg, lass dir helfen!“
Wissen Sie noch, dass ich Ihnen zu aller erst an den Kopf warf, dass ich natürlich nicht zu Ihnen komme, um zu beichten oder irgendwie ‚mit Ihnen was zu bearbeiten‘.  Erinnern Sie sich noch an meine ersten Worte nach der Begrüßung? Die Terrassentür stand auf  und irgendwo bellte laut ein Hund. Das Ganze wirkte auf mich aggressions-stimulierend und ich wollte diese in meinen Augen ungehörige Idylle mit einem Schlag zerplatzen lassen. Ich war so wütend auf Sie. Sie machen uns Schuldgefühle! Ach, was sage ich: Ihre bloße Existenz macht uns Schuldgefühle, wir wollen Sie nicht haben und wir wollen Ihnen schon gar nicht zuhören! Alles, was wir wollen ist, dass wir uns gut damit fühlen, wenn wir den ungewollt Schwangeren helfen. Zwar habe ich persönlich noch nie erlebt, dass die Frauen morgens mit herabhängenden Lippen kommen und mittags mit hochgezogenen/lächelnden Lippen wieder gehen, so wie Kollege Stapf das gerne verbreitet. Aber auch ich wollte mich wohlfühlen mit dem Gedanken, aus einer Verzweiflung heraus geholfen zu haben. Das wollte ich Ihnen alles mal um die Ohren hauen. War natürlich zu viel und deshalb habe ich Sie angebrüllt: „Können Sie überhaupt jenseits aller katholischen Moralpredigten über die Qual einer unerwünschten Schwangerschaft reden? Können Sie sich vorstellen, dass es Frauen und Männer gibt, die es sich nicht leichtgemacht haben, die darunter leiden und die trotzdem abtreiben müssen?!“ Ich weiß noch, dass es mir eine große Genugtuung war, Ihr überraschtes und verletztes Gesicht zu sehen. Richtig wohlig und siegesgewiss fühlte ich mich. Da wollte ich noch mal nachtreten, aber erst mal fiel mir nichts mehr ein. Sie erinnern sich sicherlich, ich erinnere mich heute noch an jedes einzelne Wort.

Auch Ihre erste Rückfrage darauf weiß ich noch: „Wann und wie hab‘ ich das gemacht? Mit Ihnen über katholische Moralvorstellungen diskutiert? Zuzutrauen wäre es mir zwar schon, aber es wäre mir doch sehr peinlich, wenn mir das mit Ihnen so passiert wäre. Helfen Sie doch bitte meiner Erinnerung auf die Sprünge?“

Klar, dass ich Ihnen erstens nicht sagte, dass ich das mit dem ,Jenseits aller katholischen Moralpredigten‘ kürzlich erst in einem Buch gelesen hatte. Das wurde in der Buchhandlung gerade gepuscht. Ich habe darin herumgeblättert und mir das Zitat gemerkt und mir gedacht, das ist ja bestens, das ist ein zu guter Einstieg, das haue ich Frau Dengler um die Ohren. Das hat ja dann auch gesessen, wie ich zu meiner großen Freude bemerkte.

Meine Antwort auf Ihre Rückfrage weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich noch an etwas ganz anderes. In meinem Blickwinkel bemerkte ich eine Bewegung auf der Terrasse und als ich den Kopf wandte, sah ich ein Eichhörnchen. Ziemlich gebrechlich und durch das grauweiße Fell erkennbar  schon alt. Aber es saß da, ganz unbeweglich und guckte mir lange in die Augen. Schließlich sprang es herunter in die Ecke und tauchte von dort mit einer ungeschälten Erdnuss in der Pfote wieder auf, sah nochmal über den Rücken zu uns hin und verschwand. Das wiederholte sich noch drei Mal und ich wollte wissen, was das jetzt schon wieder ist. „Nein, der hat keinen Namen, der heißt einfach Eichhörnchen, den füttere ich und ein wenig zahm ist er auch geworden, er holt sich die Erdnüsse immer einzeln. Wenn wir uns ganz still hinsetzen, wird er nach dem dritten Mal nochmal ankommen, mit den Vorderpfoten bis hier ins Zimmer reinkommen und uns lange anstarren. Das ist das Allerschönste dabei – und dann: geht er wieder.“ „Wie, und Sie besorgen ihm dafür immer die Erdnüsse?“, frage ich. „Ja,“ sagten Sie, „Kinder und Tiere sind meine Leidenschaft!“

Tatsächlich kam das Eichhörnchen, wie Sie es angekündigt haben: Neugierig und mit winzigen blank geputzten Augen starrte es uns an, schaute neugierig im Zimmer herum, die Vorderpfoten auf den Fliesen. Kaum war es verschwunden, kam aus der Dämmerung ein Eichelhäher, hockte ebenfalls auf dem Geländer und Sie sprangen auf, griffen in die Erdnuss-Schale „der kriegt vier davon, weil er größer ist, außerdem heißt er Fritz.“

 

Ich habe es Ihnen noch nie gesagt, aber ich glaube, DAS war die berühmte Bruchteilsekunde, als ich aufhörte, mich anzulügen. Ich glaube, ich wollte auch so unbeschwert durchgefüttert werden, wie diese beiden, die immerhin wild sind und doch irgendwie zutraulich. Ich bin vielleicht auch wild, zutraulich aber ganz bestimmt nicht. Aber wirklich erschreckt hat mich erst Ihre Frage „Sind Sie hierhergekommen, um mich erstens zu beschimpfen und zweitens aus der Abtreibungs-Szene auszusteigen? Dann lassen Sie uns die Beschimpfungen so schnell wie möglich hinter uns bringen, ich verspreche Ihnen, mich nicht zu wehren, auch keine katholischen Morallehren über den Tisch zu rufen. Bringen wir also die Pflicht hinter uns, fangen Sie mit den Beschimpfungen an, ich halt das aus und nachher machen wir mit der Kür weiter, mit dem Einstieg in den Ausstieg.“

So haben Sie es dann auch gemacht, ich weiß bis heute noch nicht, wie Sie es mit mir ausgehalten haben. Ich bin einigermaßen stolz darauf, dass weder meine Mitarbeiter noch meine Kollegen mich als umgänglich bezeichnen würden. Sie aber haben mir immer das Gefühl gegeben, ich wäre ein umgänglicher Mensch.

Liebe Frau Dengler, Sie sagten mir, dass ich nicht viel über Ihre Vorgehensweise schreiben soll, weil Sie die auf jeden Einzelnen zuschneiden und keine Erwartungen wecken wollen. Dem will ich gerne folgen, aber ein paar Dinge will ich doch noch über mich sagen.

Meine vierte Ehe war geschieden. Meine Mitarbeiter, die mir doch immer wieder versicherten, dass sie gerne bei mir arbeiten, kündigten immer wieder und ich stellte neue ein. Meiner Herkunftsfamilie habe ich nie erzählt, dass ich Kinder nicht nur zur Welt bringe, sondern sie auch gründlich beseitige. Heute fühle ich mich so stark, wie Sie mir das angekündigt haben. Ja, ich bin in der Lage zu sagen und zu schreiben, notfalls auch vor Gericht, dass ich mit Lust, mit wachsender Lust abgetrieben habe. Es ist einfach das Machtgefühl schlechthin, das man dabei erlebt, man setzt sich im weißen Kittel an den Stuhl und es ist da etwas in uns (von anderen weiß ich das auch), das uns richtig heiß macht aufs Lichtausmachen. Rückblickend staune ich darüber, dass ich in Kauf genommen habe, Mittwochmorgens grundsätzlich mit schwarzen Augenrändern aufzustehen, meinen Kaffee zitterig umzurühren und erst wieder zur Ruhe zu kommen, wenn ich von der letzten Abtreibung aufgestanden war.

Ich könnte jetzt auch behaupten, es war das Geld, wissen Sie. Gynäkologen führen ja einen permanenten Überlebenskampf, den wir mit Pille-verschreiben und Abtreibungen, Ausschabungen und dergleichen irgendwie gewinnen müssen. Da kommt jede Abtreibung zum richtigen Zeitpunkt. Und ich habe Ihnen ja kürzlich das Rundschreiben der KV Baden-Württemberg geschickt, aus der Sie ersehen können, wie die Punktwerte (also unsere Bezahlung) für Schwangerschafts-Abbrüche festgelegt wurden. Bitte schauen Sie sich das genau an, denn das ist ein besonders brisanter Punkt. Sie können ohne weiteres erkennen, dass wir Gynäkologen uns tunlichst pro Abtreibung aussprechen, denn daran verdienen wir mehr als durch normale Heilbehandlung, die so genannte kurative Behandlung. Anders ausgedrückt: Ich bin also nach einer langen Ausbildung Geburtshelfer geworden – um dann durch die Tötung der Kinder mehr zu verdienen. Ich weiß aus meinem Kollegenkreis, dass einen das schwer belastet. Wenn einer versteht, was diese Tatsache mit meinen Synapsen anrichtet, dann sind das wohl Sie, liebe Frau Dengler.

Die Ankunft des Rundschreibens war übrigens der Morgen, an dem mein Herz sich richtig freuen konnte, ich habe das Rundschreiben in die Hand genommen und gelesen und danach in den Papierkorb geworfen, nachdem ich bis aufs Letzte ausgekostet habe, dass mich das jetzt ja nicht mehr betrifft.

Niemals hätte ich  geglaubt, dass ich einer Fremden erlauben könnte, Einblick in mein Innerstes zu nehmen. Noch nie vorher und noch nie nachher habe ich das jemand anderem gestattet. Aber ich hoffe natürlich, dass ich nochmal eine Ehefrau finde, bei der ich das auch so tun kann. Endlich keine Lügen mehr, keine Heimlichkeiten, keine Ekelgefühle mehr. Vor allem keine Gespenster mehr. Kleine leise Stimmen, kleinste Gestalten, die oft abends von meinem Badezimmer mit mir in mein Schlafzimmer und in mein Bett schlüpfen. Ich hatte mir angewöhnt, am Bett eine Flasche Calvados stehen zu haben. Ein bereits gefülltes Glas stellte ich daneben, noch bevor ich ins angrenzende Badezimmer ging. Sobald hinter, neben, vor und über mir Bewegungen zu sehen waren, holte ich mir mein Glas auch schon ins Badezimmer, weil diese kleinen Gespenster zu meinen stetigen Begleitern wurden, und außer mir sah sie niemand! Sie sahen mich an, manchmal bestimmten sie mein Einschlafen, manchmal mein Träumen, manchmal sah ich sie winken, vom Uterus aus mir zu, das sah immer ganz fröhlich aus. Aber wenn ich die Augen aufriss, um hinzuschauen, holte mich das totale Grauen ein. Jenes Grauen, aus dem Sie mich befreit haben, das ich jederzeit bis ins Detail beschreiben kann, es aber nicht mehr tun muss.

Ein Detail Ihnen zuliebe vielleicht doch: Den Calvados brauche ich dringend zum Einschlafen, denn sobald ich mich ins Bett lege, fühle ich, wie die kleinen Gespenster (so nenne ich sie) sich ebenfalls ins Bett legen: Auf mich drauf, auf mein Kopfkissen, auf meine Zudecke, überall. Sie sind nicht immer sichtbar, meist aber „sehe“ ich die Dellen, die ihre winzigen Körperchen auf den weichen Hüllen hervorrufen. Und sie kommen regelmäßig, wollen nicht ohne mich sein. Das kann ich nur durch reichlichen Calvados aushalten. Erst als ich die Abmachung mit Ihnen befolgte, „wenn diese Gespenster wiederkommen, trinken Sie nicht Calvados, sondern fangen an, eine Namensliste mit jenen Kindern aufzuschreiben, die jetzt Ihretwegen nicht mehr leben“, verschwanden die Dellen, die leisen Stimmen und auch die kleinsten Gestalten.

Es gab insgesamt drei Dinge, die mir sehr schwerfielen, diese Liste war eines davon. Aber nur am Anfang. Ich staunte sogar darüber, dass ich sogar ‚weiß‘, welches Geschlecht die Embryonen hatten. Immer mehr Gesichter von schwangeren Frauen, immer mehr Kinder kommen in mein Gedächtnis und ich schreibe sie alle auf, gebe ihnen Namen. Es gibt Zeiten, da komme ich aus dem Weinen nicht heraus, aber dann – wie von ungefähr – rufen Sie mich an. Danke, dass Sie sich immer Zeit genommen haben und noch nehmen. Wir sind ja noch nicht fertig. Ich weiß das sehr wohl. Aber jetzt habe ich nicht mehr die Hosen voll, ich weiß jetzt, wie es weitergeht. Ich danke Ihnen dafür, dass Sie mir nie Vorhaltungen gemacht haben, keine moralischen Predigten, kein „katholisches Schwadronieren“. Stattdessen schätze ich Ihre Besonnenheit, Ruhe und wie Sie die Zügel in die Hand nehmen, ohne mir dabei das Maul zu zerreißen. Meine Mutter, mit der ich ca. sechs Jahren nichts mehr geredet hatte, sagte kürzlich zu mir: „Du veränderst Dich, das finde ich gut.“ Naja, mal abwarten, ob sie es noch gut findet, wenn Sie mit mir bis zum Ende gegangen sind. Wofür ich Sie manchmal sogar ein wenig hasse, ist die Herausforderung und die Direktheit, mit der Sie mich so unumwunden zwingen, in meine ‚unaufgeräumten Schubladen‘ zu gucken. Bitte, hören Sie dennoch nicht damit auf.

Bitte seien Sie versichert, dass ich hinter Ihrem Projekt stehe, dass ich alles tun werde, was in meiner Macht steht, um die Wahrheit zu verbreiten. Pro Familia kommt auch ohne mich aus, zuerst dachte ich, dass ich das ja nicht tun kann, nicht mehr weiter mitzumachen, denn ich weiß, wie schwierig es ist, immer wieder neue Abtreibungsärzte aufzutreiben und zu verpflichten. Ein Nachfolger für mich ist bis jetzt noch nicht in Sicht. Das scheint mir eine weitere  gute Nachricht zu sein, die ich Ihnen heute mitbringen kann.

Danke nochmals für alles, bis nächsten Mittwoch,

Ihr Ralph

 

 

 

 

Seit Jahren möchte ich aufschreiben, was mir immer wieder zu schaffen macht. Ich bin verantwortlich für die Tötung von Kindern. Ich war beteiligt beim Zerstören von Partnerschaften.  Am unerträglichsten aber ist, dass ich meine eigenen Ideale zerstörte.

Anfangs habe ich mich hineingestürzt in die Schwangerschaftskonfliktberatung bei pro familia, weil ich davon überzeugt war, das Richtige zu tun. Da sie sich weigerten, freiwillig ein selbstbestimmtes Leben anzugehen, war es nur logisch, dass wir die Frauen zwingen mussten, sich von der Unterjochung durch Männer und Kinder freizumachen. Die Abtreibungsfrage war der perfekte Ansatz dazu. Hier konnten wir am erfolgreichsten eingreifen. Das Beste daran: die staatliche Finanzierung. Und dass wir tun und lassen können, was wir für richtig halten. Die Absprache mit den zuständigen Ministern lautet, dass sie sich weigern, uns zu kontrollieren, wie es vom Gesetzgeber her eigentlich vorgesehen ist. Das wissen alle.

Seit Jahren gehe ich zu Frau Dengler zur Aufarbeitung dessen, was ich nicht mehr runter schlucken kann. Ihrem Rat folgend schreibe ich eine Beratungsgeschichte auf, die sich mehr oder weniger bei allen Paaren so abspielte. Nur mit dem Unterschied, dass die Ehefrau mir nach der Abtreibung keine Ruhe ließ. Es schwer war, sie abzuschütteln. Besuche und Anrufe von ihr waren häufig an der Tagesordnung. Die Geschichte ist mir immer noch so präsent, dass ich nachts davon träume und aufwache. Die Träume wiederholen und wiederholen sich.

Das Niederschreiben und das Veröffentlichen könnte helfen. Ich hoffe es.

Ich habe selbst nie abgetrieben, habe mir aber immer vorgenommen, es im Falle eines Falles  unbedingt zu tun. Meine jeweiligen Lebenspartner akzeptierten dies und freuten sich über meine klare Haltung.

Nun will ich aber Ross und Reiter nennen.
Es war einer der wenigen lauwarmen Frühlingstage in diesem Jahr, als Frau H. mich anrief und ich ihr einen Termin zur Schwangerschaftskonfliktberatung gegeben habe. An den schönen Tag erinnere ich mich ungern. Es ist mir unangenehm, etwas Schönes mit etwas Unschönem zu verbinden.

Frau H. war forsch am Telefon, sehr selbstbewusst, beinahe herrisch. Das ärgerte mich, ich weiß nicht, warum. Ich erlaubte ihr, ihren Mann mitzubringen. Aber Hauptsache war, dass wir Termine hatten. Nach Ansicht unserer Chefin hatten wir davon insgesamt zu wenige und so freute ich mich über jedes geplante Gespräch.

Es regnete, als die zwei vor mir saßen. Offensichtlich zerstritten. Sie schaute ihn mit bösen Blicken immer wieder so von der Seite an, er kniff den Mund zusammen und schwieg. Die typische Situation. Also auf in den Kampf, machen wir es kurz.

Frau H. griff sofort nach dem Beratungsschein, der auf dem Tisch lag. Ich erklärte ihr, dass ich den Namen noch eintragen könne. Sie könne es aber auch selber. Sie fauchte ihren Mann an: „Mach Du das, Du willst es doch nicht, Du kümmerst Dich doch nur um Dich!“, knallte ihm das Papier hin, das daraufhin vom Tisch herunter raschelte. Ich hob das Papier auf und übergab es Herrn H. Er nahm es, schaute an mir vorbei und sagte „Du bist doch hier diejenige oder wie seh‘ ich das?!“, faltete sorgfältig den Schein zusammen und steckte ihn in die innere Jackett-Tasche.

In Ordnung, das scheint schneller vorbei zu sein als üblich und setzte ich mich erst gar nicht wieder hin – Frau H. fuhr mich an:  „Sie haben mir gesagt, dass Sie heute Abend Ihre offene Sprechstunde haben und dass wir eine Schwangerschaftskonfliktberatung anschließen können! Also bitte beraten Sie uns jetzt! Schließlich heißen Sie, pro familia’!“ Sie sprach den Namen so aus, als handele es sich dabei um Gift. Ehe ich antworten konnte, legte sie gleich nach: „Wieso heißt das offene Sprechstunde? Wo sind die anderen Frauen, die anderen Paare?! Hat sonst keiner nötig, hierherzukommen?!“
In dieser Weise fuhr sie eine ganze Zeit lang fort, deutlich wütend. Auf wen? Ich sagte ihr natürlich nicht, dass wir die so genannte offene Sprechstunde eingeführt haben, um mehr Klientinnen zu bekommen, es kamen einfach zu wenige und auf diese Weise gelang es uns, die eine oder andere Besucherin zur Abtreibung zu bewegen. So unterbrach ich Frau H.s Ausbruch irgendwann und fragte sie: „Was macht Ihnen denn eigentlich solche Angst? Haben Sie Angst vor dem Schwangerschaftsgewebe?“ Sie schaute mich an, schnappte nach Luft, immer noch wütend und hielt mir heftig vor, dass sie ‚natürlich‘ keine Angst vor dem Baby habe, wohl aber vor dem pubertierenden Halbwüchsigen, mit dem sie dann wahrscheinlich nicht klarkäme.
„Das geht allen Frauen so“, erklärte ich ihr, „erst haben sie Angst vorm Schwanger-sein dann vor der Geburt, dann Angst vor dem Schwangerschaftsgewebe – es ist übrigens noch gar kein Baby. Dann haben sie Angst, welche Schule sie aussuchen sollen. Ob der Partner sich in der Zwischenzeit hat scheiden lassen oder etwa fremdgeht. Versagensängste sind in Ihrem Zustand etwas ganz Normales und sie zeigen vor allem eines, dass Sie das Kind ablehnen. Sie sollten so schnell wie möglich einen Abtreibungstermin vereinbaren. Sie sollen und müssen sich ernst nehmen. Gerade jetzt“

Die ganze Zeit schaute ich nur sie an, ich war mir sicher, dass der Mann sowieso den Abbruch wollte. Plötzlich war ich überrascht davon, dass ich tief in mir drin den Schrecken wahrnahm, den meine letzten Worte in ihr auslösten. Das verstärkte meinen Ärger, sie war offensichtlich dabei, zickig zu werden. „Schwangerschaftserpresserinnen“ nennen wir sie.

„Wie?!“, fragte sie, Tränen in den Augen, „ich dachte, weil wir verheiratet sind, ist es verboten abzutreiben, dass das nur geht, wenn das Kind behindert ist?“

„Das stimmt nicht und es ist doch noch gar kein Kind“, klärte ich sie auf. „Sie haben ein Recht auf Abtreibung, egal aus welchen Gründen, deshalb sind Sie doch hier, ich helfe Ihnen dabei. Bis zur 12. Woche ist es vom Gesetzgeber erlaubt, dass Sie abtreiben. Die meisten Frauen müssen in ihrem Leben mal diesen Weg gehen – und heutzutage muss zum Glück keine Frau mehr dabei sterben.“

Der Ehemann stöhnte, während er aufstand, zum Fenster ging und hinaus starrte.

Ich brach die Diskussion hier ab und erklärte ihr nochmals, dass es sich nicht um ein Kind handelt, sondern um Schwangerschaftsgewebe, aus dem nichts, aber auch gar nichts werden kann außerhalb des Mutterleibes. Dann nahm ich ein Stück Papier und erklärte ihr, wie einfach und reibungslos ein Abbruch vor sich geht. Ein medizinisch einwandfreier, einfacher und sicherer Eingriff. Am gleichen Tag könne sie wieder nach Hause gehen. Bis zum 50. Tag der Schwangerschaft ist es auch noch möglich, eine ihr vielleicht angenehmere Methode anzuwenden. Sie ist sanfter und wird medikamentös mit der Mifegyne vorgenommen. „Wenn Ihnen das lieber ist, Sie können noch wählen, da Sie noch in einem sehr frühen Stadium sind. Beruhigen Sie sich doch, es ist möglich, alles wieder in Ordnung zu bringen.“

Dann ging ich zur Tür, öffnete sie und Frau H. stand prompt auf. Da fiel mir noch etwas ein: „Oh Moment noch, bitte, ich bekomme noch 10,- € von Ihnen für den Schwangerschaftstest.“

Herr H. war sichtlich erleichtert neben seine Frau getreten, zückte sein Portemonnaie und fragte, während er mir 50,- € übergab: „Woran erkennt man denn, ob es richtig ist, eine Abtreibung zu machen?“

Diese Frage wird fast immer gestellt und sie ist leicht zu beantworten: „Am deutlichsten und sichersten erkennen Sie das daran, dass Sie und auch Ihre Frau Ängste verschiedenster Art haben. Das bedeutet, dass Sie noch keinen Bezug zu dem Schwangerschaftsgewebe haben und dass noch keine Verbindung existiert – und das wiederum ist das sicherste Zeichen dafür, dass der Abbruch richtig ist. Wenn Sie schwanger sind und sich auf das Kind freuen – dann ist es falsch, eine Schwangerschaftsunterbrechung zu machen.“

Frau H. und ihr Mann hörten mir fast mit offenem Mund zu (jedenfalls habe ich nach all diesen Jahren immer noch dasselbe Bild vor Augen), ich schob sie hinaus und hörte noch, wie er zu seiner Frau sagte: „Siehst Du? Jetzt hattest Du, was Du wolltest, eine kompetente Beratung, das ging ja auch alles schön schnell. Lass uns ihrem Rat folgen, wir haben ja noch keinen Bezug dazu und jetzt geht es noch ganz einfach zu machen. Sie hat gesagt, dass wir morgen früh gleich einen Termin beim Abtreibungsarzt machen sollen und dass wir es uns ja noch drei Tage lang überlegen können!“

Frau H. schluchzte kurz auf, legte dann den Arm um den Rücken ihres Mannes und nickte, „Ja, dann haben wir es hinter uns, ich habe Angst!“

Ich habe dann das Datum rückdatiert, damit sie sich nicht die ganzen drei Tage quälen müssen.

Eine Woche später rief Frau H. bei mir an. Sie schrie ins Telefon, dass ich ihr Kind umgebracht hätte, dass ich schuld sei am Tod ihres Sohnes und dass ich ihr ihr Kind wiedergeben solle. Auch das erlebte ich nicht zum ersten Mal und ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass sie hartnäckiger war als die anderen Frauen. Deshalb versuchte ich, Frau H. zu beruhigen, wie wir es schließlich gelernt haben. Ich reagierte wie immer kühl, damit sie sich abregte und erklärte ihr, dass sie die einzige Frau sei, die danach ein Problem habe, das könne nicht von ihrer Entscheidung selbst sein, sicher habe sie nur ein Problem mit ihrem Mann. Um das zu klären, bot ich ihr vorsichtshalber den nächsten Termin an, an dem andere Frauen, die abgetrieben haben, zu einem Gesprächskreis zusammenkamen, da würde sie sehen, dass alle ganz froh sind über ihre Entscheidung.

Wir vermeiden in solchen Fällen immer, vom „Abbruch“ zu sprechen, stattdessen sagen wir „Ihre Entscheidung“.

Diesen Gesprächskreis leitete eine Kollegin. Am Tag nach diesem Abend rief Frau H. wieder an! Dabei schrie sie, dass Sie mich von jetzt an nie mehr in Ruhe lassen würde, ich hätte sie zur Abtreibung überredet und dabei hat sie doch das Kind haben wollen, sie sei zu uns in die Beratung gekommen, weil der Name ‚pro familia‘ sei und sie habe erwartet, dass ich ihr beistehe, stattdessen hätte ich ihre Zweifel bestärkt, sie regelrecht zur Abtreibung überredet. Das tue ihr nun so weh und deshalb wolle sie mich mit hineinzwingen in ihren Schmerz.

Ein halbes Jahr habe ich ihre fast täglichen Anrufe ertragen, habe versucht, mich verleugnen zu lassen, aber es gab natürlich Tage, an denen ich allein Telefondienst hatte oder an denen sie mir Zettel in den Briefkasten warf. Natürlich habe ich mit Kolleginnen und in der Supervision darüber gesprochen. Zur Antwort bekam ich, dass Frau H. sich wieder beruhigen wird und dann froh und dankbar für alles sei. Ich solle‚ das nicht so an mich ran kommen lassen‘.

Immer hatte ich dabei den Eindruck, dass es anderen Kolleginnen auch so ging wie mir, aber sie leugneten es. Schließlich habe ich gekündigt.

Zu Frau Dengler kam ich dadurch, dass ich sie eines Tages anrief, nachdem sie einen offenen Brief an alle Schwangerschaftskonflikt-Beratungsstellen geschrieben hatte. Ich beschimpfte sie, dass sie schuld daran sei, dass Frauen wie Frau H. ein schlechtes Gewissen nach der Abtreibung hätten. Ich warf ihr ziemlich viel an den Kopf. Heute tut es mir leid. Am Ende haben wir die halbe Nacht telefoniert. Irgendwann stellte ich erstaunt fest, dass ich dabei geheult habe. Sie gab mir einen Termin und schlug vor, dass ich ihr das alles besser ins Gesicht sagen solle. Erst wollte ich nicht hingehen, aber da das Treffen in einem Café stattfand, ging ich dann schließlich doch hin. Ich weiß, sie ist jetzt ärgerlich, wenn ich das schreibe. Am meisten macht mir zu schaffen, dass sie so unbeugsam ist, dass sie sich traut, Dinge zu formulieren, die ich mir nicht mal zu denken traue.

Seitdem hat sich eine seltsame Art von Verbindung zwischen ihr und mir ergeben. Wenn ich bei ihr war, geht es mir wieder gut. Wenn ich alleine bin, wache ich nachts schweißgebadet auf, sehe vor mir ganze Legionen von winzigen Babys, die alle bluten, sie sind in meinem Schlafzimmer und wollen nicht weggehen. Sie rufen nach mir.

Frau Dengler hat mir einen Vorschlag gemacht, wie ich da herauskommen kann.

Aber dazu fehlt mir noch der Mut!

Ilona K.